Bericht von der Tagung in Münster

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Podium (Foto: K. Pansters)

 

 

Über 50 Laien, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Franziskanerinnen und Franziskaner beschäftigten sich vom 9. bis zum 11.. April 2015 im Liudgerhaus in Münster mit verschiedenen Aspekten von Armut. Unter dem Titel „Armut als Problem und Armut als Weg“ hatten die Fachstelle Franziskanische Forschung (Münster), das Franciscan Study Centre (Utrecht), die franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog (Berlin) und die Franziskaner Mission (Dortmund) zu einer interdisziplinären Tagung eingeladen. Ziel der Tagung war es, das Phänomen Armut, das einen so wichtigen Stellenwert in der franziskanischen Spiritualität einnimmt, von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Dass dieses Thema gesellschaftspolitisch als auch innerkirchlich derzeit Konjunktur hat, zeigen die wiederholten Äußerungen von Papst Franziskus, der immer wieder die Armutsfrage aufgreift, wenn er z.B. sagt, dass er sich eine „arme Kirche für die Armen“ wünsche.

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Plenum (Foto: S. Schuller-Kanzian)

Der erste Teil der Tagung beschäftigte sich mit den Rahmenbedingungen der unfreiwilligen Armut. Prof. Clemens Sedmak und der Kölner Armutsforscher Prof. Werner Schönig umrissen in ihren Beiträgen grundsätzliche Fragen der Armut. So betonte Sedmak, wie sehr Armut das Leben der Menschen einschränke und binde. Schönig erläuterte, wie sich Armut in Deutschland und Europa n den letzten Jahren entwickelt hat und wie dramatisch der Unterschied zwischen den armen und den reichen Menschen zunehme. Lars Düerkop, der lange Zeit als Entwicklungshelfer in Asien gelebt hat, und Markus Heinze, Leiter der Menschenrechtsorganisation „Franciscan International“ in Genf, wiesen auf die weltweiten Entwicklungen hin: Über 50% des weltweiten Vermögens seien in der Hand von gerademal 1% der Bevölkerung – oder anders gesagt 1% der Weltbevölkerung besitzen mehr als die rechtlichen 99%. Dieser Skandal hat dramatische Folgen für die Menschen, die in Armut leben.

Der zweite Teil der Tagung beschäftigte sich mit praktischen Auswirkungen der Armut. Menschen, die mit und für Arme arbeiten, berichteten von ihrer Arbeit und kamen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung in Workshops ins Gespräch: Helga Tauch von SOLWODI berichtete über die Arbeit mit Prostituierten, Nora Musenbichler schilderte die Arbeit der Vinzi-Werke in Österreich, die sich Menschen am Rande der Gesellschaft angenommen haben, Konrad J. Haase sprach über seine Erfahrungen in sozialen Einrichtungen während seines Freiwilligenjahres in Brasilien und der Kapuziner Adonis Tsiarify sprach über das Problem, wie der Orden damit umgeht, dass Menschen in Armut das Ordensleben als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs sähen.
Um (religions-)soziologische und theologische Fragen ging es im dritten Teil der Tagung. Dr. Gunda Werner von der Ruhr-Universität Bochum wies in ihrem Beitrag darauf hin, welche Auswirkungen auf unser Armutsbild und unsere Strategien gegen Armut die Tatsache hat, dass Frauen im öffentlichen Diskurs und Themen der Moderne im kirchlichen Diskurs häufig nicht vorkommen. Dr. Michael Hartlieb schloss direkt daran an und erläuterte den Zusammenhang zwischen Armut und menschlicher Würde. Armut sei im Prinzip keine entwürdigende Tatsache. Zu fragen sei aber, wie die Gesellschaft damit umgehe. Dr. Thomas M. Schimmel von Franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog schließlich beendete diesen Teil mit einem Beitrag über den Umgang des Islam mit dem Phänomen Armut.

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Bruder Cornelius Bohl OFM (Foto: S. Schuller-Kanzian)

Im letzten Teil der Tagung ging es dann um die freiwillige Armut, wie sie Franziskus in seiner Ordensregel aufgegriffen hat. Der Franziskaner Dr. Paul Zahner führte in die Regel ein und betonte, dass die Armut für das franziskanische Leben konstitutiv sei. Die käme auch in praktischen Anweisungen des Franziskus, wie dem Geldverbot, immer wieder zum Ausdruck. Anschließend schilderten Mitglieder der verschiedenen Ordenszweige und franziskanischer Gemeinschaften, welche Bedeutung die Armut für ihr Leben hat: Der Leiter der Deutschen Franziskanerprovinz, Dr. Cornelius Bohl, wies darauf hin, dass das Leben der heutigen Franziskaner oft eher bürgerlich als arm, das Thema Armut aber immer Anlass für Diskussion und Auseinandersetzungen im Orden sei. Schwester Judith Kohorst von den Lüdinghauser Franziskanerinnen berichtete über ihr Leben unter Armen in Recklinghausen und der Schauspieler Patric Tavanti stellte anhand der Geschichte der Begegnung zwischen Franziskus und dem Aussätzigen die Frage, um wen es bei der Armutsfrage eigentlich ginge: Um den anderen oder um mich selber. Den Abschluss dieses Teils bildete ein Beitrag des Kapuziners Bernd Beermann, der aus seiner Erfahrung als Beauftragter für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung des weltweiten Kapuzinerordens einige Gedanken und Thesen darlegte, wie mit Armen und Armut – vor allem in der sogenannten Dritten Welt, umgegangen werden sollte.

An den beiden Abenden der Tagung ergänzten öffentliche Vorträge die Thematik. Dr. Bernhard Felmberg vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gab eine Übersicht über die Haltung und die Politik der Bundesregierung in Bezug auf die Armutsproblematik. Am Freitag sprach Prof. Bernhard Schneider von der Universität Trier über die Geschichte der Sozialarbeit des deutschen Katholizismus und zeigte auf, dass unser heutiges Sozialsystem seine Wurzeln auch in der katholischen Soziallehre hat und durch katholische Persönlichkeiten maßgeblich geprägt wurde.
Insgesamt war die Tagung „Armut als Problem und Armut als Weg“ eine hochinteressante Veranstaltung, die unterschiedliche Schlaglichter auf die Aspekte von Armut geworfen hat. Das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der unterschiedlichen Fachbereiche sowie Praktikerinnen und Praktiker zu Wort kamen, machte eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema möglich, wenn auch viele Fragen nur angeschnitten werden konnten. Am 29. Und 30. Oktober wird die Tagung in Utrecht fortgesetzt.